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Fr, 19.11., 18.00  Caddilac
Medienbüro präsentiert

5 Städteportraits

A DAY IN WARSAW, Polen 1938
JEWISH LIFE IN BIALYSTOK, Polen 1939
JEWISH LIFE IN CRACOW, Polen 1939
JEWISH LIFE IN LWOW, Polen 1939
JEWISH LIFE IN VILNA, Polen 1939

Produktion: Sektor Films
Kamera: V. Kaszimierczak
Ton: Neo-Vox
Text/Sprecher: Asher Lerner
Produzent: Itzhak Goskind
s/w, 10 min, Jiddisch mengU

Shaul und Itzhak Goskind, Filmproduzenten, brachten zwischen 1938 und 1939 in ihrer in Warschau ansässigen Produktionsfirma Sektor Films sechs kurze Dokumentarfilme über die städtischen jüdischen Gemeinden Polens heraus; die hier aufgeführten 5 Filme sowie Jewish Live in Lodz. Der sog. Lodz- Film gilt als verschollen. Die anderen Travelogues sind mit Originalkommentar versehen, ergänzt durch englische Untertitel, angefertigt durch das National Center for Jewish Film. Zusammen oder einzeln betrachtet portraitieren sie Menschen, Gemeinden und Institutionen, die nach dem Überfall und Einmarsch der Nazis in Polen 1939 vollständig ausgelöscht wurden.

A Day In Warsaw

Polen 1938

Die lebendigen jüdischen Viertel Warschaus mit der Zamenhofstraße und der geschäftigen Nalewistraße waren vor dem Zweiten Weltkrieg Heimstatt von 340 000 Juden. A Day in Warsaw zeigt neben Hochhäusern und Alleen auch den alten Marktplatz und das alte Judenviertel. Lastwagen, Automobile und Busse kreuzen sich mit Droschken, Handkarren und Lastenträgern im bunten Treiben des Geschäftsviertels. Man sieht das jiddische Theater, den Gensza-Friedhof und andere jüdische Einrichtungen wie Rathaus, Krankenhäuser, Schulen und Synagogen. Am Sabbath pilgern die Familien in den Kraschinski-Park, wo Kinder spielen und Erwachsene angeregt die Nachrichten des Tages erörtern.

Filmepilog:
Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, als dieser Film entstand, zählte die jüdische Gemeinde Warschaus fast 3 40 000 Menschen - ein Drittel der Gesamtbevölkerung dieser Stadt. Im Oktober 1940 trieben die Nazis die Juden zusammen und sperrten sie in die viel zu engen Grenzen des Warschauers Ghettos. Die ersten Massendeportationen von Juden in das Todeslager Treblinka begannen im Juli 1942. Die zweite Welle von Massendeportationen im Januar 1943 stieß auf bewaffneten Widerstand. Die heroischen Bemühungen der im Untergrund tätigen jüdischen Kampforganisationen kulminierten in dem berühmten Aufstand im Warschauer Ghetto im Frühjahr 1943. Als Warschau im Januar 1945 von der Sowjetarmee befreit wurde, fand man in den Ruinen der Stadt nur noch 200 jüdische Überlebenden unterirdischen Verstecken.

Jewish Life In Bialystok

Polen 1939

In anschaulichen Bildern und zu den Klängen einer Walzermelodie wird das einstige industrielle und kulturelle Zentrum Bialystoks von 1939 evoziert. Man sieht Aufnahmen von Schornsteinen, mechanischen Webstühlen und Textilarbeitern; sieht die Läden auf der Hauptstraße und die Busse; den Markttag mit Bauern und Pferden; Schulen, Synagogen die Scholem-Alejchem-Bibliothek mit einem Bestand von 20 000 jiddischen Büchern, das TOZ-Sanatorium und ein gemeindeeigenes Ferienlager für bedürftige Kinder - all das zeigt das vielfältige Leben der 200 Jahre alten jüdischen Gemeinde. Neben Aufnahmen von dem Ziegelsteinhaus des Dr. Zalmenhof, dem Erfinder des Esperanto, sieht man in diesem Film auch denkwürdige Szenen aus dem weitläufigen Park des einstigen Branicki-Palais, wo junge Erwachsene sich erholen und Kinder spielen.
“Kommt nach Bialystok, ihr werdet’s nicht bereuen, heißt es am Ende des Films.”

Filmepilog:
Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, als dieser Film entstand, lebten 50 000 Juden in Bialystok. Im Juni 1941 brandschatzten die Nazis das Judenviertel. Nach einer Serie von Massenmorden wurden die Überlebenden Juden in ein Ghetto gesperrt und als industrielle Arbeitskräfte für die deutsche Wehrmacht ausgebeutet.
Die Deportationen nach Treblinka 1943 führten zu Auflösung des Ghettos. Nur wenige hundert Ghettobewohner haben überlebt, einige in den Deportationslagern, andere als Angehörige von Partisanenverbänden. Nach dem Krieg gab es in Bialystok schätzungsweise noch 1000 Juden.

Jewish Life In Cracow

Polen 1939

Der Film zeigt alte und neue Aufnahmen aus dem Judenviertel Krakaus, wirksam begleitet von Musik. Straßenbahnen und Pferdedroschken fahren durch baumbestandene Straßen; Menschen treiben Handel auf den von bunten Schirmen überdachten Märkten und in arkadengesäumten Hallen; in Parks und auf den Schulhöfen wird Sport getrieben, gespielt und diskutiert. Ansichten von der berühmten Remu-Synagoge, der von einem italienischen Baumeister errichteten Alt-Schul-Synagoge, dem Spital, dem jüdischen Magistrat und den verschiedenen Schulen zeigen die ungebrochene Lebenskraft dieser uralten jüdischen Gemeinde.

Filmepilog:
Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, als dieser Film entstand, lebten 60 000 Juden in Krakau. Zwischen September 1939 und März 1943 rotteten die Nazis systematisch die jüdische Gemeinde aus - durch Zwangsevakuierungen, Massenmorde und Deportationen in die Arbeits- und Todeslager.
1946 kehrten mehrere Juden, die auf wundersame Weise die Lager überlebt oder in der Sowjetunion Zuflucht gefunden hatten, nach Krakau zurück. Diese kleine Gemeinde sah sich in den Jahren 1967-1969 durch den Exodus der Juden aus Polen erneut vor der Auflösung. Heute leben in Krakau nur noch einige hundert Juden.

Jewish Life In Lwow

Polen 1939

Herausgeputzte Frauen promenieren über den modernen Marktplatz von Lwow, begleitet von den Klängen einer Musik, deren Rhythmus das geschäftige Treiben der Stadt unterstreicht. Die in einem Tal gelegene Stadt Lwow, bekannt auch als Lemberg und Sitz einer alteingesessenen und angesehenen jüdischen Gemeinde, strahlt Wohlstand aus. Parks und Pavillons (Pavillon des Polnischen Radios, Pavillon der Polnischen Schwerindustrie) fungieren als Zentren des öffentlichen Lebens; Lastkraftwagen, Handkarren und Fahrräder verkehren in den geschäftigen Straßen. Zu den Wahrzeichen der jüdischen Gemeinde zählt das Gebäude der Yad Haruzim-Handelsunion und das alte Ghetto, die sanft geschwungene Fassade des modernen Tempels und die orthodoxe Schule, das maurisch anmutende Lazarus-Hospital, das Grabmal der “Goldenen Rose” und das repräsentative Nowosci-Theater.

Filmepilog:
Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, als dieser Film entstand, zählt die jüdische Gemeinde 109 500 Menschen - ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Durch die Teilung Polens 1939 wurde Lwow Teil der sowjetischen Ukraine; die jüdische Gemeinde wuchs durch die Ankunft von Flüchtlingen aus dem von den Nazis besetzten Polen auf 150 000 Menschen an.
Die Nazis besetzten 1941 die Stadt und begannen die Juden systematisch auszurotten - durch Zwangsevakuierungen, Massenmorde und Deportationen in die Arbeits- und Todeslager. Als die Rote Armee im Juli 1944 in der Stadt eintraf, fand man nur noch 820 Überlebende des Lemberger Ghettos.

Jewish Life In Vilna

Polen 1939

Dieses rare Filmdokument fängt die Atmosphäre des geistigen Zentrums jüdischen Lebens in Wilna vor dem Zweiten Weltkrieg ein. Ein lebendiger Kommentar sowie Musik sind den Filmsequenzen unterlegt, in denen die Rituale des Alltags gezeigt werden - Menschen bei der Arbeit, beim Spiel, in der Synagoge und in der Schule. Wilnas berühmteste Wahrzeichen - die Straschun-Bibliothek, der Schnipeschiker-Friedhof, das YIVO-Institut - gehören zu den Höhepunkten des Films.
“Good-bye Vilna, good-bye!” heißt es wehmütig am Ende des Films.

Filmepilog:
Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, als dieser Film entstand, lebten 60 000 Juden in Wilna. Zwischen Juni 1941 und September 1943 rotteten die Nazis die jüdische Gemeinde systematisch aus - durch Zwangsevakuierungen, Massenmorde und Deportationen in die Arbeits- und Todeslager. Nach dem Krieg kehrten mehrere tausend Juden in die Stadt zurück und versuchten unter dem restriktiven sowjetischen Regime das jüdische Gemeindeleben wieder aufzunehmen. Die Juden Wilnas gehörten zu den Vorreitern der jüdischen Emigrationsbewegung aus der UdSSR; viele leben inzwischen in Israel oder in den USA.
Konservierung und Restaurierung zum Gedenken an Liza Tanivetsky Katz und Esther Jacobs Pucke durch ihre Enkelin Sharon Pucker Rivo.

Informationsmaterial des National Center for Jewish Film, Brandeis University, Massachusetts

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